Sich in der Stille von Gott lieben lassen

Welche Worte kommen Ihnen als erstes in den Sinn, wenn sie die Aufforderung „betet!“ hören?

„Vater unser im Himmel…“
„Herr, bitte mach, dass alles glatt läuft“
„Mein Gott, mein Gott, warum…?“
„Vater, danke für diesen Tag…“
„Herr, wir bitten dich für …“

Ich bin mit Gebetsworten aufgewachsen. „Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt oh Gott von dir“ oder „Müde bin ich, geh zur Ruh…“ Und doch habe ich mir in meiner Studienzeit ein Buch von Jörg Zink mit dem Titel „Wie wir beten können“ gekauft, weil ich an einem Punkt war, an dem ich nicht mehr wusste, wie ich beten kann. Jedes Gebet kostete mich Überwindung, war wie etwas auf einer Liste, dass ich noch abhaken muss. Mir fehlten die Worte. Ich wusste nicht, was ich Gott überhaupt sagen sollte? Wusste er nicht eh schon alles?

Ein wenig verkopft setze ich mich also hin und versuchte in dem Buch eine Lösung für meine Situation zu finden. Wie kann ich beten?  Keine Angst, ich werde Ihnen jetzt nicht das gesamte Buch zusammenfassen. Ehrlich gesagt, habe ich es, glaube ich, nicht mal zu Ende gelesen.

Denn ich habe schon in den ersten Seiten eine Form des Betens für mich entdeckt, die mir in meiner damaligen Situation weitergeholfen hat und bis heute wichtig geworden ist. Das erste Kapitel ist mit dem Titel „Anwesend sein vor Gott“ überschrieben. Dort wurde erklärt, dass Gebet nicht nur Reden ist, sondern auch Schweigen bedeuten kann. Schweigen und auf Gottes Stimme hören.

Für mich war das etwas ganz Neues. Gebet war für mich bisher immer ein Gespräch mit Gott gewesen. Mal leise im Kopf, mal laut zusammen mit anderen. Aber immer mit vielen Worten.
Ich kam mir manchmal so vor, als ob ich auf einem Sessel Platz nehmen würde und ab dem Moment, in dem ich den Sessel berühre, anfange loszureden. Also versuchte ich nun, mich bewusst zu setzen und erst einmal abzuwarten.
Ich sage mir „Ich bin da. Gott ist da“ und lausche. Erstmals wurde ich mir richtig bewusst, dass ich tatsächlich Gott gegenübersitze. Ich nehme mir Zeit, meinen Vater im Himmel genau wahrzunehmen, seine Anwesenheit zu spüren.

Vielleicht kennen Sie das, es gibt Gespräche, in denen zwar ununterbrochen gesprochen wird, man aber dennoch irgendwie keine Verbindung zu den anderen aufbaut. Dann gibt es aber auch Gespräche, bei denen man sich nur anschaut und nichts sagt, und dabei dem anderen ganz nah ist. Als ein solches stilles Gespräch entdeckte ich das Gebet neu für mich. Ein Gespräch, bei dem ich ruhig werde und auf Gott höre. Nichts sagen brauche, sondern es mir in seiner Anwesenheit bequem mache. Ich bete und lasse mich in der Stille von Gott lieben.

Der heutige Sonntag ermuntert zum Beten. Im Matthäus 6 heißt es:

Wenn ihr betet, dann leiert nicht Gebetsworte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie viele Worte machen. Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.

Da ist einer. Er ist da, wenn wir beten. Ob mit Worten oder in der Stille. Laut oder leise. Gemeinsam oder alleine. Der zuhört und sich zu Wort meldet. Vater im Himmel. Sein Reich komme. Sein Wille geschehe. Tag für Tag gibt er, was wir brauchen. Von ihm kommen wir. Zu ihm gehen wir. Er weiß, bevor wir bitten.
Und er lehrt seine Jünger und uns das Gebet, das alle anderen Gebete umfasst: das Vaterunser. Und so sprechen wir:

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen

Vikarin Charlotte Behr

veröffentlicht auch als Telefonandacht

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