Alles neu macht der Herbst

Alles neu macht der Herbst.
Rückt den Himmel näher.
Planeten und Sternen sind in dieser Jahreszeit klarer sichtbar.
Lässt die Krähen kreisen.
Legt den Frost über die Spinnweben, über trockene Gräser, Hagebuttenbüsche.
Auf den Feldern stehen wie die letzten Wächter des Lebendigen Grünkohlpflanzen.
Erst nach dem Frost kann man sie ernten, meinte meine Großmutter.
Der Herbst rüttelt an den Bäumen und sie lassen ihre Blätter los.
Sie fallen zu Boden, werden Morast.

Alles neu macht der Herbst.
Nimmt und gibt.
In den Balkonkästen welke Reste der bunten Sommerblüten. Nicht wieder zu erkennen.
Da wo wir noch an warmen Tagen draußen saßen: Jetzt nur letztes Laub auf der Bank und der Geruch nach nasser Erde.
In uns angesammelt dieses Jahr in vielen Schichten: Sein Glück. Sein Schmerz.
In uns und um uns Erinnerungen an das, was war und nicht mehr ist.
Das letzte Mal dies, das letzte Mal das. Es kommt nicht zurück.

Alles neu macht der Herbst.
Macht uns nackter und ausgesetzter, obwohl wir doch Mäntel haben, Wollpullover, Schals und dicke Stiefel.
Erinnerungen werden lauter, während das Herbstlaub meine Schritte dämpft.
Gedanken treiben und trudeln, gewendet von Winden und Strudeln.
Alles neu macht der Tod.
Auch für die, die leben.
Verändert er alles, und doch läuft die Zeit weiter wie das Band an einer Rolle.

Früher habe ich mit meiner Schwester überlegt, welchen Monat wir am wenigsten mögen.
Der November hat immer gewonnen.
Mit seinen grauen Tagen und dem Regen, der gegen die Fenster prasselt.
Und doch habe ich mich damals immer über die Buden des Weihnachtsmarktes geärgert.
Die frühen Lichterketten in den Gärten.
Noch ist nicht die helle Zeit, habe ich störrisch gedacht. Noch nicht.

Vielleicht braucht es diesen Monat. Das Treiben der Gedanken. Die Stille.
Zeit für all das, was nicht glänzt. Für das, was schmerzt und verarztet werden muss.
Zeit für die Risse.
Und Zeit, um den Erinnerungen nachzugehen.
Schritt für Schritt. Mal dankbar, mal wehmütig.

Alles neu macht der Herbst.
In diesem Jahr, in dem so viel anders ist als sonst;
in dem Umarmungen fehlen und wir vielleicht nur in kleiner Runde Abschied von unseren Geliebten nehmen konnten.
Alles neu macht der Tod.
Der immer gewaltig einbricht, egal ob absehbar oder unerwartet.

Und ich gehe auf das Neue zu.
Ob ich will oder nicht.
In diesem November habe ich in einen Lebkuchen gebissen.
Das erste Mal in meinem ganzen Leben vor dem ersten Advent.
Weil ich schon jetzt den Geschmack gebraucht habe, die Vergewisserung der Advent kommt. Ganz bestimmt.
Ich gehe auf das neue zu. Kalte Luft um mich herum. Nebel. Regen. Und manchmal plötzliches Blau. Ein Eichelhäher. Andere Gedanken. Ein anderer Klang.
Und der auf dem Thron sitzt, sagt:
»Sieh doch: Ich mache alles neu!«
Sagt: »Gott wird jede Träne abwischen von deinen Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«

Warme Töne diese Worte. Eine Melodie, der ich wehmütig überlasse, was mich frösteln lässt.
»Sieh doch: Ich mache alles neu!« sagt Jesus und »Gott wird jede Träne abwischen von deinen Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«

Für mich erklingen diese Worte wie ein Lied, das mich immer wieder rührt. Mir Tränen in die Augen schießen lässt, auch dann, wenn eigentlich alles gut ist. Vielleicht kennen Sie solche Melodien oder Worte auch. Ich kann nicht einmal genau sagen, woher diese Rührung kommt. Vielleicht, weil mir die Worte schmerzlich zeigen, dass eben noch nicht alles neu ist. Wir noch Tränen weinen, Menschen betrauern, unter den Gegebenheiten leiden und von grauen Novembertagen angesteckt werden.

Und doch fluten diese Lichtworte in das Dunkele wie ein Meteoritenschauer. Das „alles wird gut“ auf die Frage „wann wird endlich alles gut?“
Alles neu macht Jesus.
Rückt den Himmel näher.
Lässt die Seelen und die Träume fliegen wie Vögel.
Ist durchs Dunkel gegangen. Durchs Sterben und Hagebuttengestrüpp. Durch Nebel und Tod.
Deshalb kennt er uns. Weiß es. Weiß alles. Auch das, was wir niemandem sagen.

Rilke schreibt in einem Herbstgedicht:
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Gott hält unsere Fallen.
Er sieht im nassen Grau etwas, was noch nicht ist.

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden. Und das Meer ist nicht mehr da.
Eine Zeit ohne tosende Wogen. Dem Meer als Chaosmacht. Unberechenbar.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Worte, an die ich mich festklammere.
Sieh doch: Ich mache alles neu!

In uns angesammelt dieses Jahr. Sein Glück. Sein Schmerz.
In uns und um uns Erinnerungen. Das letzte Mal dies. Das letzte Mal das.
Die Risse bleiben und doch werden wir neu.
Dies ist nicht das Letzte.
Dies ist nicht das Ende.
Unterm Morast schon ein Wachsen.
Unter den Tränen schon Lachen.

Im November schon Lichterketten. Ein herzahfter Bissen Lebkuchen.
Nimm dir, was du brauchst.
In den kahlen Bäumen, in den leeren Händen unsichtbar schon, was kommt.
Es muss nicht bleiben, wie es ist.
Weil auch Jesus nicht im Grab blieb.
Alles neu macht der Herr.
Sieh doch.
Hinter dieser Welt schon der Himmel.

Und der auf dem Thron sitzt, sagt:
»Sieh doch: Ich mache alles neu!«
Sagt:
»Gott wird jede Träne abwischen von deinen Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«
Amen.

(Angelehnt an Worte von Birgit Mattausch, Michaeliskloster Hildesheim)