Frei!

Endlich wieder Normalität!
Endlich wieder tun und lassen können wonach mir der Sinn steht.
Danach sehne ich mich in diesem Frühling besonders
nach einem Jahr im Ausnahmezustand.
Mich mit Freunden treffen;
zu meinen Kindern reisen, die im Ausland leben;
ein Fest feiern;
jemanden spontan in den Arm nehmen,
im Gottesdienst singen und Abendmahl feiern.
Den Einzelhandel mit einem lustvollen Shoppingtag unterstützen.
Kurz: Wieder mehr Freiheit!

Ich erlebe – bei mir und bei anderen – dass die Geduld sich langsam aufbraucht.
Die erneute Verlängerung des Lockdown geht an die Substanz.
Dieses lange letzte Jahr hat uns die Zerbrechlichkeit des Lebens gezeigt
und die Grenzen unserer Macht.
Unsere Freiheitsrechte werden nun schon lange beschnitten
und Solidarität ist weiter gefragt.
Rücksicht nehmen aufeinander, ob inzwischen geimpft oder nicht.
Zurückstecken.
Und: unterstützen, Mut zusprechen, kreativ sein.

Bei aller Ungeduld und auch Kritik an der ein oder anderen Maßnahme:
Ich habe kein Verständnis, wenn Leute die Auffassung teilen:
uns werden wie in einer Diktatur alle Grundrechte, alle Freiheiten genommen.
Absolut kein Verständnis habe ich für Vergleiche mit der Nazi-Zeit, für Verschwörungstheorien und egoistisches Verhalten.
Diffamierende Posts in den Netzwerken helfen niemandem.
Sie vergiften unser Miteinander.

Heute feiern wir Palmsonntag.
Wir erinnern an einen, der auf einem Esel in die Stadt Jerusalem reitet, wohl wissend, dass ihm dort seine Freiheit und sein Leben genommen werden.
Jesus ist auf dem Weg zum Galgen, und er weiß es.
Seinen engsten Freunden hat er es prophezeit:
Wenn ich dorthin gehe, werden sie mich verraten und verkaufen,
dann ist mein Leben keine 30 Silberlinge wert.
Sie werden mich opfern.

Warum flieht er nicht? Versteckt sich? Wirkt aus dem Untergrund? Viele Andersdenkende der Geschichte haben das getan – mit Erfolg.

Jesus wählt einen anderen Weg.
Er setzt ein öffentliches Zeichen.
Er nimmt einen Esel, das Reittier der einfachen Leute.
Er nimmt nicht ein Streitross wie die Mächtigen seiner Zeit.
Auf einem Esel wagt er sich ins Zentrum der Macht.

Dem ein oder anderen seiner Zeitgenossen mag das lächerlich erscheinen – auf einem Esel!
Doch viele, die dabei sind, ob zufällig oder absichtlich,
verstehen intuitiv, worum es geht
und sie jubeln dem Eselreiter zu.
Es geht um eine leise Macht. Gottes Macht.
Um ein behutsames Wirken,
das gleichwohl ungemein kraftvoll ist,
das ausstrahlt und Menschenherzen berührt.

Jesus hat auch Angst,
natürlich hat er Angst um sein Leben wie jeder Mensch,
aber er wählt dennoch diesen Weg –
aufrecht und mit innerer Freiheit.
Diese beiden Worte nennt die Bibel nicht explizit,
aber zwischen den Zeilen ist sie überall spürbar,
die innere Freiheit in der sich anbahnenden Katastrophe.
Seine Gegner nehmen ihn gefangen, foltern ihn, verurteilen ihn zum Tod – und werden seiner doch nicht habhaft.

Freiheit kann mehr sein und anderes als äußere Freiheit.
Ein inneres Loslassen,
ein Über den Dingen stehen,
in Gelassenheit und Gottvertrauen.
Jesus ist mit Gott verbunden, so eng, dass er ihn Vater nennt.
Aus dieser engen Verbundenheit schöpft er seine seelische und geistige Kraft.

Er ist nicht der Superheld.
Er ist auch einer, der zittert und zaudert,
der fragt und mit Gott hadert.
Bis aufs Blut, erzählt die Bibel.
Aber er bleibt in der Verbindung.
Er bleibt an Gott hängen, im Gebet, in der Stille,
auch im Ringen.
Und er geht seinen Weg. Frei und selbstbestimmt.
Auf einem Esel ans Kreuz.

Der Palmsonntag gibt mir Fragen mit auf meinen Weg:
Was gibt mir innere Freiheit?
Woraus schöpfe ich meine seelische und geistige Kraft?
Was hilft mir, an Gott hängen zu bleiben
und in Gelassenheit die kommende Zeit zu bestehen,
zu gestalten, mit Gutem zu füllen?

Hanna Mausehund