Wunderbar gemacht

Kalle Chamäleon und die Farben, so hieß es bei den Kinderbibeltagen an der Friedenskirche, die mit dem Gottesdienst heute zu Ende gehen.

Kinder zwischen 6 und 10 Jahren hörten die Geschichte von Kalle, dem kleinen Chamäleon. Kalle ist todtraurig. Denn er hat keine eigene Farbe so wie die anderen Tiere. Er passt sich immer der Umgebung an und darum wechselt er seine Farbe ständig. Einmal trifft Kalle die rote Krabbe und wird selber rot. Dann trifft er den blauen Fisch und schwupps- ist er blau. Und als ihm der grüne Frosch über den Weg hüpft – tja, was soll ich sagen, da wird er grün. Nichts eigenes also, nur geliehene Farben. Dabei wäre Kalle so gerne orange, den ganzen Tag orange, von morgens bis abends und nachts auch noch. Oder noch besser: kariert. Welches Tier ist schon kariert? Eben!

Alle Tiere, denen Kalle begegnet und deren Farbe er übernimmt – die Krabbe, der Fisch, der Frosch – , zeigen ihm aber, dass er so wie er ist, etwas ganz besonderes ist. Denn nur Kalle kann die Farbe wechseln. Vom Rot der Liebe zum Blau des Himmels, zum Grün der Hoffnung. Toll!

Zur Geschichte gehört ein Lied, das wir laut und kräftig gesungen haben, alle Kinder gemeinsam, draußen und mit dem nötigen Abstand:

Du bist anders als ich bin anders als er ist anders als sie.
Wir sind anders als ihr seid anders als wir. Na und?
Das macht das Leben eben bunt.

Wir sind bunt, wir Menschen, bunt und verschieden. Das erleben Kinder schon in der eigenen Familie: Papa ist anders als Mama, ich bin anders als mein kleiner Bruder und die große Schwester ist nochmal etwas ganz eigenes. Wir sehen verschieden aus, wir tragen unterschiedliche Kleidung, können Dinge unterschiedlich gut, mögen verschiedenes gern.

Diese Erfahrung zieht sich durch das ganze Leben. Im Laufe der Zeit differenziert sie sich immer mehr aus. Wir erkennen, ob Unterschiede angeboren oder anerzogen sind, ob sie kulturell, gesellschaftlich oder zeitgeschichtlich bedingt sind. Arbeitskollegen ticken anders, Nachbarn leben anders, im Stadtteil tummeln sich Menschen verschiedener Generationen, Religionen, Milieus. Ein buntes Bild. Vielfalt!

Ich erlebe das ganz konkret, wenn ich an den Ruhrwiesen spazieren gehe. Jetzt in den heißen Sommerwochen ist da unglaublich viel los. Familien mit und ohne Migrationshintergrund grillen, nutzen die Spielplätze, genießen die warme Jahreszeit. Neben knapp bekleideten Sonnenhungrigen sitzen Frauen mit Kopftuch und langen Kleidern. Ein Sprachengewirr aus deutsch, türkisch, arabisch, polnisch, russisch ist zu hören. „Das macht das Leben eben bunt“, habe ich das Kinderlied im Ohr.

Und vor Augen habe ich den Bibelspruch für den Monat August, der dazu passt. Psalm 139, Vers 14: Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.

Ein Staunen über mich selbst. Ich – wunderbar gemacht; ein Geschöpf Gottes, begabt, beschenkt, einzigartig. Es ist für mich der Selbstannahme – Satz der Bibel. Ich bin gut so wie ich bin. Ich bin gewollt. Ich bin geliebt. Denn ich bin ein Original Gottes.

An manchen Tagen bin ich davon weit entfernt. Ich finde mich alles andere als „wunderbar gemacht“. Dieses Gefühl kennt vermutlich jeder und jede von uns. Dann fühlt man sich nicht leistungsfähig, dem Schönheitsideal nicht entsprechend, nicht stark, schön und jung. Man spürt die Grenzen, ist vielleicht krank, ist alt geworden und äußerlich verändert
und fragt sich: was ist da wunderbar?

Das Wunder ist, dass jeder Mensch so wie er ist Gottes Ebenbild ist und bleibt, sein Schöpfungswerk, von dem es in der Schöpfungsgeschichte heißt: und siehe, es war sehr gut. Sehr gut, das gilt, auch wenn da Verletzungen sind, Brüche, Zeichen des Älter- und Schwächerwerdens, Unfertiges, Ärgerliches – siehe, es war sehr gut. Gott sieht dich an und Gott nimmt dich an mit allem, was du bist und kannst und auch mit dem, was nicht bist und nicht kannst oder nicht mehr kannst.

Gott ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Der Selbstannahmesatz der Bibel. Mehrfach täglich zu sprechen beim Blick in den Spiegel. Denn wer sich selber annehmen und lieben kann, der und die kann auch den Nachbarn nehmen so wie er ist, auch wenn der anders spricht und denkt und lebt.

Wir sind bunt und wunderbar gemacht, wir Menschen, wir sind kein Einheitsbrei, sondern vielfältig und schön. Gott sei Dank!

Pfarrerin Hanna Mausehund