wie Sand am Meer

Eine Predigt von Johannes Heun am „Israelsonntag“ 2019 u.a. mit Johannes 8,1-11

 

Schön ist nach dem Urlaub eine Nacht im eigenen Bett.

Einfach schön!

Alles riecht nach Zuhause,

nur ein bisschen auch nach dem offenen Koffer in der Ecke.

Schön ist auch eine Tasse Kaffee am nächsten Morgen.

Die Sorte, die ich am liebsten mag.

Schön ist, am Tag nach der Heimkehr die Sportschuhe auszupacken.

Und wenn du sie anziehen willst, rieselt erstmal Sand auf den Boden.

Ein kleines Häuflein,

ein bisschen Strand,

ein paar Körnchen Urlaubserinnerung.

 

«wie Sand am Meer»

hört Abraham Gott sagen: ich will dich segnen und deine Nachkommen mehren

wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres

So zahlreich sollen sie werden.

… und durch (sie) sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden,

weil du meiner Stimme gehorcht hast.

 

gehört

gesegnet

gesandt

mit Sandkörnchen wird Abraham an das erinnert,

was er schon einmal zu Beginn seiner Reise hörte:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft

und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.

Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen

und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Und so wird von Herkunft und Heimat erzählt.

Vom Hören und Sehen und gesegnet werden, dass einem die Augen übergehen.

Von Wüstenzeiten und Wegen in die Berge und ans Meer,

aus dem Land der Väter und Mütter in ein neues Heimatland.

 

Und Abrahams Nachkommen wenden sich an den Segensspender,

um ihn wiederum an seine Worte zu erinnern.

Jakob betet: Errette mich von der Hand meines Bruder, ich fürchte mich vor ihm …

Du hast gesagt: ich will dir wohltun

und deine Nachkommen machen wie den Sand am Meer,

den man der Menge wegen nicht zählen kann.

Sie erleben Segen in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie ringen mit Gott und hadern mit ihrem Schicksal,

mit dem, was er ihnen auferlegt.

Sie schimpfen und klagen und jubeln und preisen seinen Namen.

 

Das Bild vom Sand am Meer begleitet sie

und durchzieht ihre Texte, die Texte der hebräischen Bibel,

die wir wertschätzend «Altes Testament» getauft haben.

So schüttet Josef das Getreide auf, über die Maßen viel wie Sand am Meer …

Und nach Psalm 78 ließ Gott Fleisch auf sie regnen wie Staub und Vögel wie Sand am Meer –

genug zu essen mitten in der Wüste. Gott versorgt.

Die Zeit der Könige behalten sie in besonders guter Erinnerung:

Juda aber und Israel waren zahlreich wie der Sand am Meer

und sie aßen und tranken und waren fröhlich.

Und Gott gab Salomo sehr große Weisheit und Verstand und einen Geist, so weit,

wie Sand am Ufer des Meeres liegt.

 

Ach war das schön, weite Strände unter Palmen,

Sand zwischen den Zehen,

kilometerweit

und in der Sonne liegen.

Man schwärmt von der guten alten Zeit

und träumt von einer noch besseren Zukunft.

Wir werden zahlreich wie die Sandkörnchen am Meer.

Den internationalen Wettbewerb rund um’s Mittelmeer

und weiter noch gen Osten werden wir bestehen.

Wir werden viele, wir werden mehr sein.

Gott hat es Abraham gesagt.

Zahlenmäßig stark wie Sand am Meer, ihr werdet’s sehen

 

Aber dann sieht man das Unheil kommen.

Zion wird erobert, Jerusalem zerstört.

Und der Prophet Jesaja greift die Verheißung in seinen Worten wieder auf:

Ein Rest wird umkehren, ja, ein Rest Jakobs, zu Gott, dem Helden.

Denn wäre auch dein Volk, o Israel, wie Sand am Meer,

so soll doch nur ein Rest von ihm umkehren.

Nur eine Handvoll,

immerhin eine Handvoll wird übrigbleiben.

Die Geschichte endet nicht.

Es geht weiter und die Übriggebliebenen werden sich auf Gott verlassen.

Sie gehen weiter und lernen das Hoffen wieder neu in rauen Zeiten.

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft,

und dich leitet auf dem Wege, den du gehst.

O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest,

so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom

und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.

Deine Kinder würden zahlreich sein wie Sand

und deine Nachkommen wie Sandkörner.

 

Und sie kehren zurück aus der Fremde.

Sie haben alles fast verloren, aber sie sind noch immer da.

Die Geschichte wird fortgeschrieben

und in diese Geschichte hinein wird er geboren,

ein Spross aus dem Hause Davids, etwas Neues wächst auf,

aus dem Rest, der blieb, aus dem kleinen Sandkasten.

Jesus, von einer jüdischen Mutter geboren.

Er ruft zur Umkehr.

Er lädt mit seinem ganzen Leben, mit seiner ganzen Hinwendung

zu seinen Mitmenschen dazu ein, das Menschen sich Gott zuwenden.

Er erzählt sich selbst hinein in die Geschichte von Versöhnung,

von Friede auf Erden und dem Schalom zwischen allem, was auf Erden lebt,

und einer heilvollen Beziehung zwischen Gott und Mensch.

So viele eindrückliche Momente seines Lebens kennen wir aus Erzählungen.

Bedeutsame Worte und starke Symbole. Predigten. Sein Kreuz. Das leere Grab.

Wie er den Seinen als Auferstandener begegnet.

Einmal brachten Schriftgelehrte diese Frau zu ihm.

Was er dazu sage, wollten sie wissen.

Ehebruch habe sie begangen und man habe sie erwischt.

Fragt niemand, wo eigentlich der Mann ist?

Es gehören doch schließlich immer zwei dazu.

Doch nur diese Frau wird bloßgstellt.

Und Jesus soll sich mal äußern.

Sie hoffen, ihn in dieser Zwickmühle ebenfalls bloßstellen zu können.

Hier geht es doch um ein biblisch gut begründbares Urteil.

Jesus aber schweigt.

Er ist durchaus zu bedeutungsvollen Worten in der Lage, das wissen wir.

Aber er hält den Mund, beugt sich zum Boden und schreibt etwas.

Schreibt Worte in den Sand.

Denn wäre auch dein Volk, o Israel, wie Sand am Meer,

so soll doch nur ein Rest von ihm umkehren.

Aber sie wollen offensichtlich nicht zu Gott umkehren.

Sie wollen lieber einen Richterspruch von Jesus hören.

Doch dieser «Lehrer Israels» (Joh 3) lässt sie selbst denken

und fühlen, was richtig sein könnte.

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Da löst der Mob sich auf, sie gehen stillschweigend.

Und Jesus schreibt noch etwas auf den sandigen Boden.

O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest,

so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom

und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.

Deine Kinder würden zahlreich sein wie Sand

und deine Nachkommen wie Sandkörner.

Immer wieder wurde und wird noch heute den Juden unterstellt,

im Zentrum ihrer Religion stünden Gebote und Gesetzlichkeit.

Manch einer hält die hebräische Bibel für ein Buch der Regeln,

während dann im Neuen Testament mit Jesus nur noch Freiheit gilt.

Doch er stellt sich nicht über das Gesetz, die Tora, die Weisungen Gottes.

Er gehört aber zu den Schriftgelehrten, die ein Gebot der Liebe über alle stellen.

Das höchste Gebot, Gott und die Menschen zu lieben,

wird schon auf Mose zurück geführt, es ist ein alttestamentliches

und ein Gebot, das Jesus uns gibt.

Das steht über allem und nicht die Vorstellung, groß zu sein

oder einer besonders großen Gruppe von Menschen anzugehören.

 

Wir teilen heute nach Jahrhunderten des Wachstums

auch die Erfahrung wie es ist, wenn «nur ein Rest übrig bleibt».

Wir als Kirche, unsere Gemeinden werden zahlenmäßig kleiner.

Aber das ändert ja nichts daran, dass Gott treu ist und seinen Segen gibt.

Wir werden kleiner, manches bröckelt.

Und manchmal denke ich ja, unsere Vorfahren

haben die Friedenskirche vor 150 Jahren bewusst aus Sandstein bauen lassen,

damit die Fassade irgendwann zu bröckeln beginnt.

Wenn etwas abbricht, wenn die eigene Gruppe kleiner wird,

wenn der Druck von außen wächst,

ist es Zeit für die Besinnung auf das Wesentliche.

Was ist das für Dich?

Was ist das für Sie?

Für mich ist es jedenfalls nicht in erster Linie, dass wir groß und zahlreich werden.

Das wäre schön, aber selbst wenn wir noch weniger werden,

dann ist für mich wesentlich, dass unsere Liebe wächst.

Dass wir uns respektvoll unseren Mitmenschen zuwenden.

Dass wir Gerechtigkeit suchen, ohne uns selbst dabei als Richter aufzuspielen.

Dass wir Frieden suchen und dabei auch bereit sind, ihm nachzujagen,

für den Frieden zu kämpfen.

Wenn ich wieder sandige Füße bekomme,

dann will ich daran denken und wünsche mir, dass viele ihre Wege so gehen,

dass sie Gottes Geboten entsprechen

und dabei nie vergessen, dass über allem LIEBE steht.

Lasst uns, unsere Wege gehen

für Frieden wie ein Wasserstrom

und Gerechtigkeit wie Meereswellen

und ein Herz so weit wie der Sandstrand an einem Meer.

Amen.